Museen im Kreis Stormarn:

Das Museum Rade in Reinbek mit der Sammlung Italiaander

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Volksglaube in moderne Kunst umgesetzt: eine Voodoo-Darstellung von Angel Vivas Arias aus Venezuela.

Der Mensch, ohne den es das Museum Rade in Reinbek nicht geben würde, ist der Volkskundler Rolf Italiaander. Sein Leben lang sammelte er volkstümliche Kunst aus aller Welt. Als er 1991 starb, hinterließ er über 3000 Exponate und Bilder. Vieles davon wäre heute nicht mehr zu bekommen.

Zeugnisse verschwundener und lebendiger Welten

"Wer heute durch die Welt reist, findet fast nur ,Airport-Art', nachgemachte Sachen für Touristen", sagt Bernd Michael Kraske. Und auch von solchen Sachen kann der Leiter des Museums Rade ein paar Exemplare präsentieren, zur Abschreckung.

Das Bild einer barbusigen Schwarzen zum Beispiel, die erschreckt ihren Wasserkrug von sich wirft, vor ihr eine riesige Schlange, hinter ihr ein Krokodil. "Sex, Tränen und Verbrechen, das soll Geld bringen", so Kraske, "für viele ist das die einzige Möglichkeit des Gelderwerbs, neben der Prostitution."

Masken werden auf alt gemacht, indem man sie eine Weile vergräbt und gammeln lässt und dann noch mal mit der Schrotflinte darauf schießt. Dass solche Flughafen-Kunst manchmal auch in großen Kunsthallen als echt ausgestellt wird, entsetzt Kraske.

Dergleichen hat der Besucher im Museum Rade jedoch nicht zu befürchten: Die Säle der Jugendstilvilla nahe dem Reinbeker Schloss sind gefüllt mit Reichtümern, wie sie die Volkskunst in aller Welt zu bieten hat. Der 1991 gestorbene Volkskundler und Schriftsteller Rolf Italiaander hat sie über 50 Jahre lang auf Reisen zusammen getragen.

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Tauziehen gibt es auch in Thailand: Ein Holzschnitt von Praphan Srisouta (1961/62).

Da gibt es zum Beispiel eine westafrikanische Schultermaske mit der Darstellung der Fruchtbarkeitsgöttin Nimba: Die Tänzer tragen sie beim Tanz, bis sie zusammen brechen, manchmal bis zu 30 Stunden.

"An solche Stücke kann man heute nicht mehr heran kommen", sagt Kraske. "Zum Teil wegen verschärfter Ausfuhrbestimmungen, aber auch, weil es so etwas gar nicht mehr gibt oder weil es unter einer Flut von Nachahmungen verschwunden ist."

Hauptsächlich gibt es im Museum Rade jedoch Bilder zu bestaunen, darunter auch Bilder von Künstlern des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart: einen balinesischen immer währenden astrologischen Wandkalender (20er-Jahre).

Bilder von Gefängnisinsassen auf Kuba aus der Zeit der Abriegelung, eine Voodoo-Darstellung aus Venezuela von Angel Vivas Arias, einen Wandteppich aus der ägyptischen Webschule Harrania, den Altkanzler Helmut Schmidt von Anwar el Sadat als Geschenk bekam und später dem Museum vermachte.

Eine Besonderheit des Museums, die aus dem Rahmen fällt, ist die Sammlung naiver Malerei aus den 70er-Jahren. Kraske: "Die Zeitschrift Hör-Zu nahm häufig Motive davon für ihre Suchbild-Serie ,Original und Fälschung'."

"Sinn des Museums ist, aufzuklären über Fremdes, Völkerverständigung herzustellen, Brückenfunktion auszuüben", sagt Kraske.

Bei der Eröffnungsrede 1987 hatte sich Italiaander noch verwahren müssen gegen Stimmen, die vor einer "Überfremdung" in der Region warnten und behaupteten, "die Schleswig-Holsteiner seien sich ,als trutzige Norddeutsche' schon jahrhundertelang selber genug".

Nur etwa ein Drittel der Sammlung Italiaander ist im Museum Rade ausgestellt, ein nicht geringer Teil befindet sich als Leihgabe in anderen Museen, der Rest ist im Magazin. "Manche beneiden uns um unsere Stücke", sagt Kraske.

"Der Pariser Louvre reist mit einer Afrika-Wanderausstellung seit 13 Jahren durch die Welt, die ist zu mehr als 80 Prozent aus unseren Beständen bestückt."

Daran gemessen sei das Museum Rade eher wenig bekannt. Kraske erklärt sich das so: "Italiaander war ein schwieriger Mensch, er sagte jedem seine Meinung ins Gesicht und hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Diesen Ruf haben wir ein bisschen geerbt."

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Rolf Italiaander, 1913 - 1991

Italiaander - ein Leben für die Volkskunst

Rolf Italiaander, geboren 1913 in Leipzig, wurde von einer niederländischen Familie adoptiert. Als Soldat der Fremdenlegion entdeckte er zum ersten Mal Afrika - noch in einem Zustand vor dem Tourismus. Er arbeitete später unter anderem mit Albert Schweitzer zusammen.

1970 gründete Italiaander das Museum Rade in einer Kate im Tangstedter Ortsteil Rade. 1987 zog das Museum nach Reinbek, behielt aber den Namen Rade bei. Neues Domizil ist seitdem eine Gründerzeitvilla von 1890 im Eigentum der Stadt. Zu dieser Zeit wurde die Sammlung in eine Stiftung überführt. 1991 starb Italiaander.

Das Museum Rade wird von der Stiftung betrieben und enthält die in sich abgeschlossene Sammlung Italiaander, zeigt aber auch Sonderausstellungen.

Außerdem bietet das Museum Lesungen an, Berichte von Auslandskorrespondenten sowie Vorträge zu Themen der Verständigung von Völkern, Kulturen und Religionen.

 

Anschrift/Anfahrt:
Museum Rade Schloßstraße 4, 21465 Reinbek

Öffnungszeiten:
Geöffnet: Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Weitere Details zum Museum finden Sie auf der nächsten Seite.

 

Die Lübecker Nachrichten (LN) haben in einer Serie im Sommer 2003 über die in Stormarn befindlichen Museen berichtet. Diese, im Dezember 2004 aktualisierten Berichte haben wir hier mit freundlicher Unterstützung durch die Zeitung und den Autoren der Serie, Tonio Keller aufgenommen.

Aus dieser Serie ist auch das Buch "Museumslandschaft Stormarn" entstanden, das im Buchhandel erhältlich ist

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