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Der Kreis Stormarn liest "In Zeiten des abnehmenden Lichts"
"Ruge Dossier"
Zitate aus dem Buch "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge.
Zusammengestellt und um Zusatzinformationen ergänzt von Marion Graefe, Ahrensburg.
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Alexander Seiten 7-32, 76-95, 96-114, 209-228, 229-241, 307-321, 407-Ende
Zitat Seite 7:
Zwei Tage hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf. Er fuhr die A 115, wie immer. Man kam direkt auf die Thälmannstraße (hieß immer noch so). Aber man brauchte nur einmal links abzubiegen und ein paar hundert Meter dem krummen Steinweg zu folgen, dann noch einmal links - hier schien die Zeit stillzustehen: eine schmale Straße mit Linden. Kopfsteingepflasterte Bürgersteige, von Wurzeln verbeult. Morsche Zäune und Feuerwanzen. Tief in den Gärten, hinter hohem Gras, die toten Fenster von Villen, über deren Rückübertragung in fernen Anwaltskanzleien gestritten wurde. Eins der wenigen Häuser hier, die noch bewohnt waren: Am Fuchsbau sieben."
Zitat Seite 8:
"Tief in den Gärten, hinter hohem Gras, die toten Fenster von Villen, über deren Rückübertragung in fernen Anwaltskanzleien gestritten wurde."
Zitat Seite 9:
"Dann nahm er Kurt´s Gulasch aus der Mikrowelle, stellte es auf die Igelit-Decke."
Zitat Seite 17:
"Wo war der kleine Krummdolch, den der Schauspieler Gojkovic - Häuptling aller DEFA-Indianerfilme, immerhin! - Irina einmal geschenkt hatte?"
Zitat Seite 17:
"Und wo war der Kuba-Teller, den die
Genossen aus dem Karl-Marx-Werk Wilhelm zum neunzigsten Geburtstag
überreicht hatten, und Wilhelm, so wurde erzählt, hatte die
Brieftasche gezückt und einen Hunderter auf den Teller geknallt - weil er
glaubte, er werde um eine Spende für die Volkssolidarität
gebeten
"
Zitat Seite 18:
"
wie der riesige Kasten, den sie nur zum Schein
abtransportierten, aus dem Kofferraum des kleinen Trabbi
herausgeragt hatte, sodass das Auto vorn fast die Bodenhaftung verlor
"
Zitat Seite 18/19:
"Die Bretter bogen sich unter der Last der Bücher; hier und da
hatte Kurt ein zusätzliches, farblich nicht ganz passendes Brett
eingezogen, aber die kosmische Ordnung war unverändert - eine Art letztes
Back-up von Kurts Gehirn:
Dort standen die Nachschlagewerke, die auch Alexander
mitunter benutzt hatte (Aber zurückstellen!), dort die Bücher zur
russischen Revolution, da in langer Reihe die rostbraunen Lenin-Bände, und
links neben Lenin, in der letzten Abteilung, unter dem Ordner mit der strengen
Aufschrift PERSÖNLICH, stand noch immer - Alexander hätte es
blindlings herausgreifen können - das aufklappbare, ramponierte
Schachbrett mit den Figuren, die irgendein namenloser Gulag-Häftling
irgendwann einmal geschnitzt hatte."
Zitat Seite 19f:
"Wieder musste er an Markus denken: an seinen Sohn.
Musste sich vorstellen, wie Markus hier umging, mit Kapuze und Kopfhörern
in den Ohren - so hatte er ihn das letzte Mal, vor zwei Jahren, gesehen - ,
musste sich vorstellen, wie Markus vor Kurts Bücherwand stand und die
Regalbretter mit den Stiefelspitzen anstupste; wie er die Dinge, die sich in
vierzig Jahren hier angesammelt hatten, durch seine Hände gehen ließ
und auf Gebrauchswert oder Verkäuflichkeit prüfte: Kaum jemand
würde ihm den Lenin abkaufen. Für das klappbare Schachbrett bekam er
womöglich noch ein paar Mark."
Zitat Seite 20:
"Er setzte sich an den
Schreibtisch und öffnete die linke Tür. Im mittleren Schubfach ganz
hinten, in der uralten ORWO-Fotopapierschachtel,
lag, versteckt unter Klebstofftuben, seit vierzig Jahren der Schlüssel zum
Wandsafe."
Zitat Seite 20/21:
"Hier hatte er
im Viereinhalb-Finger-System auf
seiner Schreibmaschine herumgehämmert, tack-tack-tack-tack, Papa arbeitet!
Sieben Seiten täglich, das war seine Norm', aber es kam auch vor,
dass er zum Mittagessen verkündete: Zwölf Seiten heute! Oder:
Fünfzehn!
ein Meter mal drei Meter fünfzig, alles voll mit dem
Zeug, einer der produktivsten Historiker der DDR', hatte es
geheißen,
hatte sein Werk noch immer eine Gesamtregalbreite, die
fast mit der des Lenin'schen Werks konkurrieren konnte: ein Meter Wissenschaft.
Für diesen Meter Wissenschaft hatte Kurt dreißig Jahre geschuftet,
dreißig Jahre lang die Familie terrorisiert.
Für diesen Meter
hatte Kurt Orden und Auszeichnungen, aber auch Rüffel und einmal sogar
eine Rüge von der Partei erhalten, hatte mit den vom ewigen Papiermangel
gebeutelten Verlagen um Auflagenhöhen gefeilscht, hatte einen Kleinkrieg
um Formulierungen und Titel geführt, hatte aufgeben müssen oder hatte
mit List und Zähigkeit Teilerfolge erzielt - und nun war alles, alles
MAKULATUR."
Zitat Seite 24:
"Und tatsächlich, sobald er sich Irina
hier vorzustellen versuchte, sah er sie auf dem Fußboden sitzen, bei
ihren einsamen Orgien, wenn sie ihre krächzenden Wyssozki-Kassetten
hörte und sich allmählich betrank."
Zitat Seite 28:
"Nur die Melodie
fiel ihm ein - von Oma Charlottes uralter Schellackplatte,
die ihm beim Umzug auf den Gehweg gefallen und in tausend Stücke
zersprungen war:
Mexico lindo y
querido Si muerto lejos de ti
"
Zitat Seite 31:
"
und da, schließlich, am Ende
der Straße, war das Haus seiner Großeltern. Es war bereits
rückübertragen'.
Jetzt wurde es von den Enkeln des ehemaligen Besitzers bewohnt, eines mittleren
Nazis, der mit der Fabrikation von Scherenfernrohren reich geworden war."
Zitat Seite 32:
"Dort die Volksbuchhandlung', jetzt Reisebüro."
Zitat Seite 32:
"Und dort der Konsum,
Betonung auf der ersten Silbe (und tatsächlich hatte es mit Konsum wenig
zu tun), wo es vor sehr langer Zeit - Alexander konnte sich gerade noch daran
erinnern - Milch auf Marken gegeben hatte."
Zitat Seite 76:
"Beifall rauschte. Jetzt war er
berühmt. Er stand in einem offenen schwarzen Tschaika,
der sagenhaften sowjetischen Staatskarosse mit massenhaft Chrom und
raketenartigen Heckflügeln: Langsam rollte das Gefährt durch die
Straße. Links und rechts standen die Menschen Spalier, so wie am Ersten
Mai, und winkten ihm zu, mit kleinen, schwarz-rot-goldenen Fähnchen
"
Zitat Seite 77:
"Im Konsum gab es Milch gegen Marke. Mit
einer großen Kelle füllte die Verkäuferin die Kanne.
Früher hatte das immer Frau Blumert getan. Aber Frau Blumert hatte man
verhaftet. Er wusste auch, warum: weil sie Milch ohne Marke verkauft hatte.
Hatte Achim Schließner gesagt. Milch ohne Marke war streng
verboten."
Zitat Seite 80:
"Später Schachspielen. Papa gab ihm zwei Türme
vor, trotzdem gewann er immer. Morphy
hat schon mit sechs Jahren gegen seinen Vater gewonnen, sagte sein Vater. Das
war aber nicht so schlimm. Er war ja erst vier. Erst mal musste er fünf
werden. Und dann hatte er immer noch Zeit. Sehr viel Zeit, um seinen Vater im
Schach zu besiegen."
Zitat Seite 90:
"Er erinnerte sich an nichts.
Aber er kannte alles. Sogar den Geruch der Moskauer Taxis: halb nach
angebranntem Gummi, halb nach Benzin. Ganz Moskau schien ein bisschen nach Taxi
zu riechen. Der rote Platz:: ein Schlange vorm Mausoleum. Nein, Saschenka, so
viel Zeit haben wir nicht. Dafür Eskimo-Eis.
Und Prostokwascha
mit Zucker."
Zitat Seite 90:
"Die Metro: gigantisch. Vor der Rolltreppe hatte er ein bisschen Angst. Noch mehr von den Türen."
Zitat Seite 91:
"Für Tee wurde der Samowar angeheizt. Es gab schwarzen Tee: früh, mittags abends. Der Samowar summte."
Zitat Seite 91:
"Einmal die Woche kam Brot. Dann
stand eine lange Schlange vor dem Laden. Jeder bekam drei Laib Brot. Auch
Alexander. Zu dritt bekamen sie neun Jedes kostete elf Kopeken. Drei Brote
äßen sie selber, sechs kriegte die Kuh. In Wasser eingeweicht. Die
Kuh schmatzte. Es schmeckte ihr."
Zitat Seite 93f:
"Die
Sowjetunion ist das größte Land der Welt. Wilhelm nickte zufrieden.
Sah ihn erwartungsvoll an. Auch Omi sah ihn erwartungsvoll an. Und Alexander
fügte hinzu: - Aber Achim Schliepner ist dumm. Der sagt, dass Amerika das
größte Land der Welt ist. - Aha, sagte Wilhelm, interessant. Und zu
Omi sagte er: - Und gewählt
haben die auch wieder nicht, die Schliepners. Aber die kriegen wir auch noch
dran."
Zitat Seite 213:
"Sie gingen durch
eine unbekannte Stadt, die Halberstadt hieß und in der es von Soldaten
mit ihren Familien wimmelte. Die Restaurants waren überfüllt.
Christina hatte die Idee, ein Stück auswärts ein Restaurant zu
suchen, aber Alexanders Ausgang war - selbstverständlich - auf Halberstadt
beschränkt. Also aßen sie in einem überfüllten Restaurant,
wo es nur noch Letschosteak
gab, Letschosteak."
Zitat Seite 217f:
"Zum ersten Mal händigte man
ihnen nicht nur die Waffe aus, sondern auch zwei volle Magazine mit je
dreißig Schuss Munition. Beim anschließenden Appell erklärte
der Kompaniechef, ein kurzbeiniger Mann mit scharfer Stimme, dass sie im
Grenzabschnitt Sowieso zur Hinterlandsicherung eingesetzt würden, da eine
sogenannte Lage entstanden sei: Ein Soldat der Sowjetarmee sei mit einem
Autobus Typ Ikarus,
einer Kalaschnikow und sechzig Schuss Munition unterwegs, vermutlich in
Richtung Staatsgrenze zwischen Stapelburg und dem Brocken."
Charlotte Seiten 33-54, 115-138, 389-406
Zitat Seite 36:
"Fünf Mal schon hatte sie sich gewünscht, dass
sie im kommenden Jahr nach Deutschland zurückkehrten. Genützt hatte
es nichts, sie saßen immer noch hier. Sie saßen hier - während
drüben, im
neuen Staat, die Posten verteilt wurden."
Zitat Seite 37:
"
und in dem
Artikel, den man ihr zum Korrekturlesen gab, übersah sie absichtlich
Druckfehler, damit die Genossen in Berlin auch wahrnahmen, auf welches Niveau
die Zeitschrift gesunken war, seit man sie als Chefredakteur abgelöst
hatte. Wegen Verstoßes gegen die Parteidisziplin'. Sodass Charlotte
keinen anderen Weg gesehen hatte, als ihrerseits einen Bericht an Dretzky zu
schicken. Ihr Verstoß gegen die Parteidisziplin hatte nämlich
hauptsächlich darin bestanden, dass sie am 8.
März, am Frauentag, eine Würdigung des neuen Gleichberechtigungsgesetzes
der DDR gebracht hatte, obwohl der Vorschlag mehrheitlich als
uninteressant abgelehnt worden war. Das war der eigentliche Skandal."
Zitat Seite 38:
"Charlotte kümmerte sich um den
Haushalt: Sie besprach mit Gloria, dem Hausmädchen, den Speiseplan
für die kommende Woche, sah Rechnungen durch und goss ihre Blumen. Seit
langem züchtete sie auf der Dachterrasse eine Königin
der Nacht. Sie hatte sie vor Jahren gekauft, in der zwiespältigen
Hoffnung, dass sie nie sehen würde, wie sie blühte."
Zitat Seite 41:
"Drei berittene Polizisten bewegten sich langsam, wie in Zeitlupe,
durch die Menge. Alle hatten große, schwere Sombreros auf, so groß
und schwer, dass sie sie eher balancierten als trugen, was den drei Reitern ein
würdiges und zugleich lächerliches Aussehen gab. Die
Repräsentanten der Staatsmacht, die
ihnen vor zwölf Jahren das Leben gerettet hatte
"
Zitat Seite 42:
"Wilhelm hatte, im Grunde genommen, von
nichts eine Ahnung. Wilhelm war Schlosser, sonst gar nichts. Zwar war er
tatsächlich einmal - auf dem Papier - Co-Direktor der Lüddecke &
Co. Import Export gewesen. Aber erstens hatte er dies - aufgrund einer
lebenslänglichen Geheimhaltungsverpflichtung - nicht einmal in seinem von
der Partei verlangten Lebenslauf angegeben. Und zweitens war Lüddecke
Import Export nicht mehr als eine von den Russen finanzierte Scheinfirma
gewesen, die dem Geheimdienst der KOMINTERN
zum Schmuggel von Menschen und Material diente."
Zitat Seite 43:
"Charlotte begann sich um die Auflösung des Haushalts zu kümmern, kündigte Verträge und verkaufte die Königin der Nacht mit Verlust zurück an den Blumenladen."
Zitat Seite 44:
"Sie gingen, wie schon oft, in
ein kleines Restaurant in Tacubaya, dessen einziger Nachteil darin bestand,
dass das sowjetische Konsulat in der Nähe war. Adrian bestellte zwei
Gläser Weißwein und chiles en nogada, und noch bevor das Essen kam,
fragte er Charlotte, ob sie wisse, dass man Slánský
zum Tode verurteilt habe."
Zitat Seite 47:
"Indessen schien es Wilhelm von Tag zu Tag
besserzugehen. Eben noch, auf der anderen Seite des Ozeans, hatte er unter
chronischer Schlaflosigkeit gelitten und sich über mangelnden Appetit
beklagt. Aber je weniger Charlotte aß, desto größer schien
Wilhelms Hunger zu werden. Er schlief gut, machte Täglich, auch bei dem
größten Dreckswetter, ausgedehnte Spaziergänge an Deck und
beschwerte sich, wenn er mit seinem durchweichten, aber offenbar
unverwüstlichen Tardan-Hut
zurückkam, dass Charlotte die ganze Zeit in der Kabine hockte."
Zitat Seite 50:
"Charlotte schämte sich. Für ihren Hutschleier. Für ihre Angst. Für die fünfzig Dosen Nescafé in ihrem Koffer "
Zitat Seite 51:
"Der Mann klappte die Zeitung ganz auf, sodass für Charlotte die Titelseite sichtbar wurde, und wie von selbst fiel ihr Blick auf eine Bildunterschrift mit den Worten:
Der Staatssekretär im Bildungsministerium, Genosse
Und jetzt hätte eigentlich kommen müssen: Karl-Heinz Dretzky. Kam aber nicht.
Der Zug ruckelte über ein Weichenfeld. Charlotte taumelte im
Gang hin und her, spürte kaum, wie sie anstieß. Mit Mühe
erreichte sie die Toilette, riss - mit bloßen Händen - den Klodeckel
auf und erbrach das wenige, was sie zum Frühstück gegessen hatte. Sie
klappte den Deckel hinunter, setzte sich drauf.
Das Tam-Tam der Zugräder ging ihr jetzt direkt in
die Zähne, direkt in den Kopf. Sie spürte noch immer den kalten,
prüfenden Blick, der sie über den Rand der Zeitung hinweg getroffen
hatte. Schwarzer Ledermantel - ausgerechnet. Es war alles klar, alles passte
zusammen.
Eingeschleust hieß das entsprechende Wort. Eingeschleust durch den zionistischen Agenten Dretzky. Es quietschte und krächzte, als könnte der Zug auseinanderbrechen. Sie hielt ihren Kopf mit beiden Händen fest Oder drehte sie durch? Nein, sie war ganz bei Verstand. War so klar im Kopf wie schon lange nicht mehr Hätte wenigstens da gestanden: der neue Staatssekretär Sie kicherte fast vor Vergnügen darüber, wie fein sie die Nuancen zu unterscheiden gelernt hatte. Der neue Staatssekretär: Das hieße, es gab einen alten Aber es gab keinen alten. Er existierte nicht. Sie waren die Protegés eines Nichtexistenten. Sie waren selber so gut wie nichtexistent. Auf dem Ostbahnhof würden Männer in schwarzen Ledermänteln stehen, und Charlotte würde ihnen folgen, ohne Widerstand, ohne Lärm. Würde Geständnisse unterschreiben. Würde verschwinden. Wohin? Sie wusste es nicht. Wo waren die, deren Namen nicht mehr genannt wurden? Die nicht nur nicht existierten, sondern nie existiert hatten?"
Zitat Seite 52:
"Charlotte antwortete nicht. Setzte sich, schaute aus dem Fenster.
Sah die Felder, die Hügel, sah sie und sah sie nicht. Staunte, dass sie
jetzt vor allem Ärger empfand. Staunte darüber, was sie jetzt dachte.
Sie dachte, dass sie an etwas Wichtiges denken müsste. Aber sie dachte an
ihre Schweizer
Schreibmaschine ohne ß'."
Zitat
Seite 116:
"Im Flur klickerte eine defekte Neonröhre. An den Türen waren noch immer die Flecken zu sehen, die die Russen nach dem Krieg mit ihren Machorkas eingebrannt hatten."
Zitat Seite 116:
"Allerdings fiel ihr im selben Moment ein, dass der Hausmeister gerade, vor wenigen Tagen, in den Westen abgehauen war."
Zitat Seite 117:
"Die Wandzeitung kündete vom neuesten Triumph der sowjetischen Technik und Wissenschaft: Vorgestern war ein Sowjetbürger namens Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum geflogen."
Zitat Seite 120:
"Schon 1940 in Frankreich, im Internierungslager Vernet, hatte Wilhelm durch den Skorbut alle Zähne verloren, und wenn noch nicht alle, dann den Rest auf dem Weg nach Casablanca."
Zitat Seite 122:
"Wohnbezirksparteisekretär: Das war der Mann, der den Parteibeitrag der zehn oder fünfzehn Veteranen zwischen Thälmannstraße und OdF-Platz kassierte - nichts weiter. "
Zitat Seite 122:
"Aber was machte Wilhelm? Hielt irgendwelche geheimen
Versammlungen ab, da unten in seiner Zentrale, plante irgendwelche
Operationen'. Zu den letzten Kommunalwahlen hatte er eine motorisierte
Einsatzstaffel organisiert, um denjenigen, die am frühen Nachmittag immer noch nicht
gewählt hatten, Agitatoren auf den Hals zu schicken: Den ganzen
Rasen hatten diese Trottel zerfahren!"
Zitat Seite 138:
"Wilhelms Tombola wurde ein großer Erfolg. Der
Kreissekretär hielt eine Rede. Und der Vertreter der Nationalen
Front verlieh Wilhelm die goldene Ehrennadel."
Zitat Seite 394:
"Schon beim Gedanken daran begann ihr Atem zu rasseln.
Sie überlegte, ob sie doch noch einmal zehn Tropfen Aminophyllin
nehmen sollte. Allerdings hatte sie heute bereits zwei Mal Aminophyllin
genommen, und seit Doktor Süß ihr gesagt hatte, dass eine
Überdosis zur Lähmung der Atemwegsmuskulatur führen konnte,
hatte sie ständig Angst, ihr Atem könnte stehenbleiben,
plötzlich, in der Nacht, könnte sie aufhören zu atmen."
Irina Seiten 55-75, 242-268, 351-370
Zitat Seite 55:
"Es war die Stille eines
abgeschnittenen
Ortes, der seit über einem Vierteljahrhundert im Windschatten der
Grenzanlagen vor sich hin dämmerte, ohne Durchgangsverkehr, ohne
Baulärm, ohne moderne Gartengeräte."
Zitat Seite 57:
"Jedes Jahr wurde derselbe miserable Kognak in denselben bunten Aluminiumbechern serviert."
Zitat Seite 59:
"Bis zehn Uhr musste sie die Blumen abgeholt haben. Dann noch ins Russenmagazin, die Belomorkanal holen."
Zitat Seite 61:
"Wie jeder andere hatte
nämlich auch Sascha seine spezielle Aufgabe' - Charlotte liebte es,
alle Leute mit speziellen Aufgaben' zu betrauen, es gab sogar einen
Blumenpapier-Verantwortlichen, und einen Verantwortlichen für das
Abwischen der infolge der schlecht funktionierenden Abfüllautomaten
ständig verklebten Vita-Cola-Flaschen."
Zitat Seite 62:
"Wenn nämlich Sascha, für elf Uhr
bestellt, mit dem Ausziehen des Ausziehtisches fertig war, lohnte sich für
ihn die Rückfahrt nach Berlin nicht, sodass er die Zeit bis zum Beginn der
Geburtstagsfeier gewöhnlich im Fuchsbau blieb, und dann würden sie,
wie jedes Jahr, zusammen Pelmeni
essen, mit saurer Sahne und Senf, wie Sascha es mochte."
Zitat Seite 65:
"Irina setzte sich und fingerte eine Club' aus der Schachtel."
Zitat Seite 67:
"Es handelte sich um zehn Schachteln Belomorkanal: klassische
russische Papirossy, die Irina im Buffet des sogenannten Hauses
der Offiziere für ihn besorgte - abscheuliches Zeug eigentlich,
das Wilhelm aus reiner Angeberei rauchte, um seinen Genossen vorzuführen,
wie er das Pappmundstück zu knicken verstand, während er seine drei
Brocken Russisch zum Besten gab und vage Andeutungen über seine
Moskauer Zeit' machte."
Zitat Seite 68:
"Als Irina aus dem Bad zurückkam,
blätterte Kurt in der Zeitung. Sein Teller war noch immer unbenutzt, ohne
Krümel. - Warum isst du nichts, sagte Irina. Du kriegst bloß wieder
Magenschmerzen. - Wirklich kein einziges Wort, sagte Kurt. Keine Silbe
über Ungarn, kein Wort über Flüchtlinge, nichts über die
Botschaft in Prag
Er faltete die Zeitung zusammen, knallte sie auf den
Tisch. Auf der Titelseite war groß zu lesen: IN DEN KÄMPFEN UNSERER
ZEIT STEHEN DDR UND VR CHINA SEITE AN SEITE Irina hatte die Überschrift
schon gestern gesehen - es war die Wochenendausgabe des ND, die Kurt noch nicht
gelesen hatte, weil gestern die Literaturnaja Gazeta aus Moskau gekommen war.
Irina fragte sich, warum er diesen Mist überhaupt noch las: Neues
Deutschland!"
Zitat Seite 69:
"Irina zuckte mit den Schultern. Auch das Foto hatte sie
schon gesehen: irgendwelche Bonzen,
die in drei langen Reihen hintereinanderstanden, so grobkörnig, dass man
die zahlreichen Chinesen nur mit Mühe von den Deutschen unterscheiden
konnte."
Zitat Seite 70:
"Sie wusste, wie man sich fühlte so nah an einem Panzer. Zwei
Jahre lang war sie, wenn auch nur als Sanitäterin, im Krieg gewesen. Sie
erkannte einen T-34 am
Anfahrgeräusch."
Zitat Seite 71:
"Erst als sie schon wieder im Wohnzimmer
war, drang ihr der Geruch im Zimmer von Nadjeshda Iwanowna ins Bewusstsein -
neben verschimmelnden Lebensmitteln und penetranten, wenngleich nutzlosen
Fußsalben war es vor allem der alles übertönende,
süßliche Muff des aus Russland mitgebrachten Mottenpulvers,
das Nadjeshda Iwanowna in lebensfeindlicher Konzentration verwendete."
Zitat Seite 255:
"Pünktlich um zwei Uhr klingelte es: Charlotte und
Wilhelm standen vor der Tür - mit ihren Dederon-Einkaufstaschen.
Was würde wohl dieses Mal darin enthalten sein? Eine abwaschbare
Tischdecke? Irgendein Kuba-Kalender?"
Zitat Seite 260:
"Nadjeshda Iwanowna reichte den Teller. Irina gabelte
die Keule auf, aber an der Gabel blieb nur ein Stück Kruste hängen.
Sie tat Nadjeshda Iwanowna die Kruste auf, um im zweiten Versuch die Keule
nachzulegen - aber in diesem Augenblick zog Nadjeshda Iwanowna den Teller weg.
- Ich habe schon genug! Die Keule plumpste aufs Tischtuch. - Nu tschjort
poderi! Fluchen konnte Irina noch immer nur russisch. Nadjeshda
Iwanowna bekreuzigte sich."
Zitat Seite 352:
"
die Finger taten ihr weh. Bei
solchem Wetter schmerzten ihre Gelenke besonders; der Rücken, die
Hände
Und wer weiß, dachte Irina, während im Radio
wieder einmal von der aserbaidschanischen Region Berg-Karabach die Rede war, wo
die Armenier (die Irina, und zwar nicht nur wegen ihres vorzüglichen
Kognaks, für ein großes Kulturvolk hielt) heute Nacht zwanzig
Zivilisten umgebracht hatten, wer weiß, dachte sie, was sie sich noch
für Schäden zugezogen hatte, die Holzschutzmittel, die sie eingeatmet
hatte, Der Kamilit-Staub,
von dem es auf einmal hieß, dass er krebserregend sei
und alles
vergeblich."
Nadjeshda Iwanowna Seiten 139-159
Zitat S. 139:
"In Slawa
wurden jetzt die Kartoffeln gemacht, die ersten Feuer rauchten schon, das
Kartoffelkraut brannte, und wenn erst mal das Kartoffelkraut brannte, dann war
sie gekommen, unwiderruflich: die Zeit des abnehmenden Lichts."
Zitat S. 139:
"
dreißig Jahre war das nun her, aber noch heute hatte
sie den Geruch seiner Nackenhaare in der Nase, wenn sie daran dachte, wie er
auf ihrem Schoß gesessen hatte, und sie hatten Maltschik-Paltschik
gespielt, stundenlang, oder sie hatte ihm etwas vorgesungen, das Lied
vom Zicklein, das nicht auf die Großmutter hören wollte, das
wollte er immer hören, wieder und wieder, wird es vergessen haben, der
Junge, obwohl er's schon beinahe auswendig konnte mit seinen zwei Jahren,
""
Zitat S. 139f:
"Nadjeshda Iwanowna schnäuzte sich und nahm das Strickzeug zur
Hand, das sie irgendwann heute morgen auf dem Kopfkissen abgelegt hatte, die
Socken
für Sascha, dann kriegte sie eben Kurt, eine Socke war schließlich
schon fertig, bei der anderen arbeitete sie sich gerade an die Ferse heran, von
Socken verstand sie was, hatte schon viele Socken gestrickt,
Für
die Ferse musste sie die Maschenzahl in drei Teile teilen, aber sie zählte
nie nach, das machte sich irgendwie immer von selbst, dann die Maschen
verschränken, und dann ging's geradeaus, immer die Nadel lang."
Zitat Seite 141:
"
immer nur
fernsehen, man wurde ja dumm im Kopf, manchmal las sie das Buch, das Kurt ihr
gegeben hatte, lesen konnte sie schließlich, hatte sich ja
alphabetisiert, als sie nach Slawa kamen, wo die Sowjetischen waren, nur dass
es zu dick war, das Buch, Krieg
und Frieden, wenn man in der Mitte angekommen war, hatte man den Anfang
schon wieder vergessen, über die Heumahd ging's, daran erinnerte sie sich,
schwere Arbeit, sie hatte genug Heu gemäht in ihrem Leben, nach
Feierabend, wenn sie vom Sägewerk kam, im August war die Heumahd, im
September kamen dann die Kartoffeln dran, so war das gewesen in
Slawa."
"
Zitat Seite 142:
"Jetzt klopfte es an der Tür, Kurt
war's, ob sie denn mitkam nachher, zu Wilhelms Geburtstag. Herrje, heute morgen
hatte sie noch dran gedacht, aber dann hatte der alte Kopf es vergessen, aber
zugeben wollte sie's nicht. - Natürlich komm ich mit, sagte sie. Wie denn
anders. Nur der Blumenladen am Friedhof hatte längst zu, äch
ty, rastjopa, was nun, eine Schachtel Pralinen hatte sie noch,
hoffentlich nicht von Charlotte und Wilhelm, die schenkten ihr immer Pralinen,
obwohl sie gar keine aß, aber schaden tat's nix,
"
Zitat Seite
142f:
"Ein guter Mann, Kurt, immer höflich, immer mit Vor- und Vatersnamen, Ira konnte von Glück reden, dass sie so einen gefunden hatte, dachte Nadeshda Iwanowna, "
Zitat Seite 144:
"
als Kind hatte sie immer Ausschau gehalten nach
solchen Schuhen, wenn sie in irgendein Dorf kamen und sie vor der Kirche
saß, gehasst hatte sie das, die beiden Großen durften sich Arbeit
suchen im Dorf, und sie, die Kleinste, musste die Hand aufhalten, den ganzen
Tag lang, Kopf runter, Hand hoch, aber wenn keine Schuhe in Sicht waren, konnte
man die Hand auch mal runternehmen, das hatte sie rasch kapiert, Fußlappen
brachten nix, Bastschuhe
hin und wieder, aber sobald irgendwo Schuhe auftauchten, da hieß es
Achtung, richtige, lederne Schuhe
"
Zitat Seite 146:
"Und dann mussten sie ziehen, die Unruhestifter',
mitten im Winter, immerhin gab ihnen der Kulak noch ein viertel Pud Brot, das
wusste sie noch, und wie die Leute hinter den Fenstern standen und schauten,
und dann - wusste sie nicht mehr."
Zitat Seite 146f:
"Draußen heulte der Wind, oder, wenn es ganz still war, dann
heulten die Wölfe, weit entfernt, so schien es, aber wenn der Winter lange
genug gedauert hatte, dann kamen sie, schlichen zwischen den Häusern von
Gríschkin Nagár umher, und wenn man am Morgen die Tür
aufmachte, fand man im Schnee ihre Spuren. Im Sommer waren sie feige, da wurde
man eher von den Mücken gefressen als von den Wölfen, halb tot musste
man sein, ehe sie einen anfielen, sagten die Männer, wahrscheinlich war
sie schon halb verrückt gewesen vor Durst, wer weiß, wie lange sie
schon herumgeirrt war, wer sich verlief, lief im Kreis, so hieß es,
gefunden hatte man sie in einer Entfernung von zwölf oder fünfzehn
Werst,
zwei
Jahre später, den Zinkeimer brachte man, mit dem sie zum
Beerensammeln gegangen war, und in dem Eimer, frag lieber nicht, noch heute
bekam sie Gänsehaut, wenn sie dran dachte, was von ihr übrig
geblieben war, Hörnlein und Hufen, nun weißt du, warum, zweimal
drehst du dich, zweimal streckst du dich nach den Beeren, schon hast du die
Lichtung verloren, groß ist die Taiga, und
schnell verliert man die Richtung, und dann merk es dir wohl, was übrig
geblieben ist von dem Zicklein, nur Hörnlein und Hufen, vergeblich
gerufen, nur Hörnlein
"
Zitat Seite 147:
" oder sie schenkte Wilhelm die Gurken, gute Gurken, uralische Art, mit Knoblauch und Dill, Sascha war immer ganz wild gewesen auf ihre Gurken, allerdings, ob's zum Geburtstag das Richtige war, sie würde Kurt fragen "
Zitat Seite 149:
"Wahrscheinlich kam's daher, weil sie keinen Vater
gehabt hatte, Großmutter Marfa hatte sie natürlich verwöhnt,
zuerst hieß es: Schande, Schande, ein Kind von dem Schwarzen, der
Schwarze hatte sie immer gesagt, der Zigan', dabei war er überhaupt
kein Zigan, Händler war er gewesen, Petroleum hatten sie bei ihm gekauft,
ein guter Mann war's, Pjotr Ignatjewitsch, kein Trinker, nicht wie die Mushiks
in Gríschkin Nagár, ein Herr war's, beinahe, mit seinem Mantel
und seinen Manieren, drei Pferde vor seinem Wagen, so viel gab es im ganzen
Dorf nicht, und wenn es auch Sünde gewesen war, und sie bat Gott um
Vergebung, aber insgeheim fühlte sie sich unschuldig, denn wäre nicht
Mutter Marfa davor gewesen, dann hätten sie sich vor Gott und der Kirche
getraut, er hatte es ihr versprochen, auf Ehrenwort."
Zitat Seite 150:
"... Nein, nein, korrigierte ihn Nadjeshda Iwanowna, ich weiß
es ja noch, das war, als der Vetter die Kühe geschlachtet hat, weil es
hieß, wer mehr als drei Kühe hat, wird entkulakisiert,
und dann haben sie ihn trotzdem entkulakisiert, weil er die Kühe
geschlachtet hat. - Sie meinen, sie haben ihn erschossen. - Werden ihn wohl
erschossen haben, ist lange her."
Zitat Seite 157:
"Das Erste, was Charlotte im Hause wahrnahm, war die
stickige Luft, die sich wie ein alter Lappen auf ihre Lungen legte. Den Grund
dafür erkannte sie, als sie die Treppe zum Badezimmer hinaufstieg:
Mählich und Schlinger, jeder einen Pinsel in der Hand, machten sich im
oberen Flur an einem großen Plakat zu schaffen und hatten - offenbar um
beim Malen eine glatte Unterlage zu haben - den langen Läufer
zusammengerollt. Die Luft war von Staub erfüllt. - Was macht ihr denn da,
fauchte Charlotte. - Wilhelm hat gesagt, begann Mählich
- Wilhelm
hat gesagt, Wilhelm hat gesagt, presste Charlotte heraus. Im Bad nahm sie eine
Prednisolon.
Nach dem Duschen drückte sie sich ein feuchtes Handtuch vor den Mund, um
über den Flur zu kommen."
Kurt Seiten 160-186, 290-306, 323-350
Zitat Seite 161:
"Nun war
er wieder in Moskau gewesen. Und obwohl ihm die Stadt noch nie so dreckig, so
roh, so anstrengend erschienen war wie bei diesem Besuch - die langen Wege, die
Betrunkenen, die allgegenwärtigen Diensthabenden' mit ihren
griesgrämigen Gesichtern, sogar die berühmte Metro, auf die er immer
ein bisschen stolz gewesen war, weil er als junger Mann bei Subbotniks
an ihrem Bau teilgenommen hatte, alles war ihm auf die Nerven gegangen: die
Enge, der Lärm, das guillotineartige Zuschnappen der automatischen
Türen (und wieso eigentlich lag diese verdammte Metro fast hundert Meter
unter der Erde, und wieso, noch erstaunlicher, hatte er sich das damals nicht
gefragt)
"
Zitat Seite 162:
"Der berühmte
Jerusalimski hatte sich begeistert gezeigt über sein neues Buch, hatte ihn
überall als den Experten auf seinem Gebiet vorgestellt und am Ende sogar
persönlich einer Stadtrundfahrt mit ihm unternommen, und Kurt hatte eine
diebische Freude dabei empfunden, sich nicht anmerken zu lassen, wie gut er das
alles kannte: die Manjeshnaja,
das Hotel Metropol und ach, sieh mal an, die Lubjanka
..."
Zitat Seite 164:
"Sascha hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Früher
hätte er keine Gelegenheit ausgelassen, zum Flughafen mitzufahren, aber
die Phase, wo er Flugzeugkonstrukteur werden wollte, war vorbei. Stattdessen
nahm er jetzt mit dem Tonbandgerät neumodische Musik im RIAS auf und
trieb sich bis in die Dämmerung mit zweifelhaften Freunden herum, darunter
ein frühreifes Mädchen aus der Parallelklasse, das aus halb asozialen
Verhältnissen stammte und jetzt schon, mit zwölf, einen ansehnlichen
Busen unter dem schmuddelig blauen Pullover trug."
Zitat Seite 164:
"Und dass er einsam gewesen war zwischen all den
wohlgesinnten Menschen, von denen er keinen so gut kannte, dass er es gewagt
hätte, die Fragen, die ihn beunruhigten, auch nur anzutippen - zum
Beispiel die Frage, inwieweit, nach Ansicht seiner Kollegen, eine
Re-Stalinisierung der Sowjetunion drohte, nachdem der tölpelhafte, aber
doch irgendwie sympathische Reformer Nikita Chruschtschow (ohne den er, Kurt,
noch immer als "Ewig-Verbannter" hinterm Ural säße) als Parteichef
abgelöst worden war. - Und ich war auf dem Nowodewitschi,
sagte er."
Zitat Seite 171:
"Die Angelegenheit war ebenso
einfach wie dumm. Paul Rohde, ein immer schon etwas übermütiger und
nicht immer disziplinierter Mitarbeiter aus Kurts Arbeitsgruppe, hatte in der
ZfG das
Buch eines westdeutschen Kollegen besprochen, in dem die sogenannte
Einheitsfrontpolitik der KPD Ende der zwanziger Jahre kritisch beleuchtet wurde
(welche, wie jedem klar war, in Wirklichkeit natürlich eine Spalterpolitik
gewesen war, die die Sozialdemokratie verunglimpft und das Erstarken des
Faschismus auf schlimmste Weise befördert hatte!), und dann hatte Rohde
dem westdeutschen Kollegen persönlich seine Rezension geschickt, versehen
mit der Bemerkung, er möge entschuldigen, dass sie so negativ sei, die
gesamte Arbeitsgruppe finde das Buch klug und interessant, aber in der DDR
sei es leider noch längst nicht so weit, dass das Thema
Einheitsfrontpolitik offen diskutiert werden könne ..."
Zitat Seite 295:
"Sie standen vor der Goldbroilergaststätte Ecke
Milastraße. Kurt hatte weder Lust auf Broiler,
noch hatte er Lust auf Neonlicht und Tische aus Sprelacart,
aber vor allem hatte er keine Lust, in der Kälte anzustehen: Die Schlange
ging bis vor die Tür."
Zitat Seite 297:
"Kurt musste plötzlich an das Parteilehrjahr
heute nachmittag denken, eine dämliche Pflichtveranstaltung, die, obwohl
sie Parteilehrjahr hieß, einmal im Monat durchgeführt
wurde."
Zitat Seite 297:
" - Kenn' Se den, flüsterte der
andere Mann - offenbar von so viel Zustimmung ermuntert: Wat sin' die vier
Hauptfeinde des Sozialismus? Das Paar wechselte Blicke. - Frühjah, Somma,
Herbst und Winta, sagte der Mann und kicherte in sich hinein. Das Paar
wechselte Blicke. Sascha lachte. Kurt kannte den Witz schon:
Günther hatte ihn vor der Parteiversammlung erzählt."
Zitat Seite 303:
"Tatsächlich stand am Taxistand neben dem Bahnhof
ein freies Taxi. Kurt kroch in den Fond des Wagens. Es war ein Wolga, ein
breites Gefährt mit weichen Sitzen, das, wie alle Russenautos, nach
Russenauto roch - ein Geruch, der ihn immer ein bisschen an Moskau erinnerte:
Schon die alten Pobeda-Taxen
hatten so gerochen."
Zitat Seite 304:
"Sie standen jetzt vor der Weltzeituhr.
In New York war es halb eins, in Rio halb vier. Ringsum ein paar verfrorene
Gestalten, die sich leichtsinnigerweise trotz der Kälte hier verabredet
hatten: war ein beliebter Treffpunkt, die Weltzeituhr, als spürte man hier
etwas von der großen, weiten Welt."
Zitat Seite 304:
" - Dort ist auf, sagte Sascha. Lass uns
reingehen. Ich frier mir den Arsch ab sonst. Was Sascha meinte, war die Selbstbedienungsgaststätte
im Erdgeschoss vom Alexanderhaus. Kurt war ein einziges Mal dort gewesen. Vor
zehn Jahren, als das Restaurant eröffnet wurde, war es der letzte Schrei
gewesen. Inzwischen hatte sich eine ranzige Patina über alles gelegt.
Aus einer Reihe von Automaten konnte man kalte Speisen ziehen. Auf einem
Metalltresen stand heißer Kesselgulasch, fünfundachtzig Pfennig."
Zitat Seite 305:
"Sie passierten den Schacht
zwischen dem großen
Hotel und dem Warenhaus
und gingen dann, ohne dass Kurt hätte sagen können, warum und wohin,
quer über die Fläche, wo der Wind sie in Wirbeln und
Stößen attackierte und ihnen Tränen in die Augen
trieb."
Zitat Seite 341:
"Noch 1932, erinnerte sich Kurt, schon wieder klatschend
(nämlich nachdem Wilhelm der Vaterländische Verdienstorden in Gold
angesteckt worden war) - noch 1932 hatte Wilhelm als zweiter Gauleiter des
RFB in
Berlin eine große, gemeinsame Aktion von Nazis und Kommunisten
mitorganisiert."
Zitat Seite 348:
"Er überquerte die sogenannte Lange Brücke,
passierte Fahrbahn und Schienen, bog am Interhotel
ab und kam über die Wilhelm-Külz-Straße zur Leninallee,
Potsdams längster, wenn auch gewiss nicht schönster
Straße."
Zitat Seite 350:
"Es gab
nichts mehr zu bedenken. Es gab keinen Grund seine Zeit mit
Nebensächlichkeiten zu verschwenden: Rezensionen für die ZfG, ND-Artikel
anlässlich irgendwelcher historischer Jubiläen
und sogar die
Mitarbeit an dem Sammelband, der, da er Beiträge aus Ost und West
enthalten sollte, mit einer durchaus verlockenden Konferenz in Saarbrücken
verbunden war, würde er - am besten aus gesundheitlichen Gründen -
absagen und sich gleich morgen früh an den Schreibtisch setzen und
anfangen, seine Erinnerungen
zu schreiben, und zwar (auch das wusste er sofort) beginnend mit jenem
Augusttag 1936, an dem er neben Werner an Deck des Fährschiffes stand und
zusah, wie der Leuchttum von Warnemünde im frühen Nebel verblasste."
Wilhelm Seiten 187-208
Zitat Seite 196:
"Wer weiß, was sie ihm für Zeug gab. Auch Stalin hatte man ja vergiftet."
Zitat Seite 197:
"Es klingelte, draußen stand der Pionierchor. Die Pionierleiterin sagte: Drei vier, und der Chor sang das Lied vom kleinen Trompeter. Schönes Lied, aber nicht das, was er meinte. Nicht das, was ihm die ganze Zeit durch den Kopf ging."
Zitat Seite 202:
"So einer war nun Oberst bei der Staatssicherheit
- während man ihn, Wilhelm, damals nicht übernommen hatte: Westemigrant!
Bis heute kränkte es ihn. Auch er wäre lieber in Moskau geblieben.
Aber die Partei hatte ihn nach Deutschland geschickt, und er hatte getan, was
die Partei von ihm verlangte. Sein Leben lang hatte er getan, was die Partei
von ihm verlangte, und dann: Westemigrant!, sagte er."
Zitat S. 203:
"Aha, der Genosse Krüger. Abschnittsbevollmächtigter. - In Uniform hätte ich dich erkannt, Genosse."
Zitat S. 204:
"Wilhelm wühlte in seinem
Gedächtnis. Zu lang war es her, dass er in Moskau gewesen war, damals zur
Ausbildung bei der OMS, und das
einzige Wort, das er unter den Trümmern seines Russischs noch auffand, war
garosch: gut, hervorragend."
Zitat S. 208:
"Er sang leise, für sich, jede Silbe betonend. In leicht schleppendem Rhythmus, er merkte es wohl. In einem nicht beabsichtigten Tremolo in der Stimme:
Die
Partei, die Partei, die hat immer recht
Und, Genossen, es bleibe
dabei
Denn wer kämpft für das Recht
Der hat immer recht
Gegen Lüge und Ausbeuterei
Wer das Leben beleidigt
Ist dumm
oder schlecht
Wer die Menschheit verteidigt
Hat immer recht
So, aus
Lenin'schem Geist
Wächst, von Stalin geschweißt
Die Partei -
die Partei - die Partei."
Markus Seiten 269-289, 371-388
Stammbaum der Familie Powileit/Umnitzer:
Die im Buch genannten Personen der Familie:

Das Projekt "Der Kreis Stormarn liest ein Buch" ist eine Initiative der Kreiskulturreferentin in Kooperation mit dem Rowohlt-Verlag, gefördert von der Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn, der Sparkassen-Stiftung Stormarn, der Stiftung Erwin Baer und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Region Norddeutschland).
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Kreiskulturreferentin:
Dr. Friederike Daugelat
Gebäude F,
Raum F 5
Tel: 0 45 31 /
160 - 448
Fax: 0 45 31 / 160 77 448
E-Mail:
f.daugelat@kreis-stormarn.de


















