18.06.2003

60 Jahre nach dem Feuersturm auf Hamburg: Kreisarchiv Stormarn erhält einmaligen Fotofund

Kreiskulturreferent Dr. Johannes Spallek, zugleich der Leiter des Stormarner Kreisarchivs, konnte sein Glück kaum fassen. Nach jahrelanger Recherche machte der Historiker jetzt im Juni 2003 eine sensationelle Entdeckung. „Dieser Fotofund ist einmalig für unser Kreisarchiv“, so Dr. Spallek. Von Uwe Kildentoft aus Bad Oldesloe erhielt er Originalfotos. Die Fotos zeigen die ausgebrannten Ruinen des in Wandsbek im Feuersturm der Alliierten Bombergeschwader vom 23. Juli bis 03. August 1943 zerstörten Stormarnhauses, des Stormarner Landratsamtes, der Hausmeisterwohnung und des Bauamtes in Wandsbek.

„Nach solchen Fotos bin ich schon seit über 10 Jahren auf der Suche. Ihre Entdeckung ist eine einmalige Bereicherung für den Bestand des Stormarner Kreisarchivs“, kommentiert der Archivleiter die Fotos: „Auf den Fotos ist zu sehen, dass die zusammengebrochenen Balken und der Schutt bereits geräumt sind. Daraus schließe ich, dass die Fotos Anfang August bzw. Mitte August 1943 entstanden sein dürften“.

Die Fotos stammen von Friedrich Kildentoft, der während des zweiten Weltkrieges Hausmeister bei der Kreisverwaltung Stormarn war. Mit seiner Familie bewohnte er eine Dienstwohnung in einem rückwärtigen Anbau hinter dem Landratsamt in der damaligen Schillerstraße 2 a, der heutigen Wandsbeker Schlossstraße.

Friedrich Kildentoft hat die verheerenden Bombenangriffe des „Unternehmens Gomorrha“, wie das Codewort der aliierten Militärs für den Großangriff auf die Industrie- und Hafenstadt lautete, persönlich erlebt. Strategisches Ziel des Chief Marshal Arthur Harris, des Oberbefehlshabers des Bomber Command der Royal Air Force, war die weitgehende Zerstörung Hamburgs durch ein flächendeckendes Bombardement mit Spreng- und Brandbomben. Das ununterbochene Flächenbombardement verursachte eine ungeheure Hitze mit einer Temperatur von 800 Grad Celsius. Dadurch entstand im Zentrum eine „Feuerhölle“. Wie bei einem gigantischen Kamin siteg ein gewaltiger Luftstrom nach oben und saugte aus allen Richtungen Luft mit einer Geschindigkeit, die Orkanstärke erreichte. Es entwickelte sich ein regelrechter „Feuersturm“, der entsetzlich mit unvorstellbarer Kraft wütete. Weite Gebiete der Stadt wurden total zerstört.
In vier Nächten und 2 Tagen, in der Zeit von Sonntag, 24. Juli, bis zum 3. August 1943 wurden 45000 Menschen getötet, darunter 22500 Frauen und 5400 Kinder.

Einige Tage nach den Angriffen hat Friedrich Kildentoft die Zerstörungen der ausgebrannten Ruinen der Kreisverwaltung Stormarn in Wandsbek fotografiert.























Er fotografierte seine zerstörte Wohnung im 1. Stock über den Garagen für die Landratswagen.























Weiter fotografierte er den Innenhof des Stormarnhauses in der Goethestrasse.

Hierzu Dr. Spallek: „Von beiden Gebäuden hatten wir bisher keine Vorstellungen. Zum ersten Mal erhalten wir durch die Fotos eine Anschauung von ihnen, wenn auch leider als Ruinen.“























Friedrich Kildentoft ging weiter in den Hof des Stormarnhauses an der damaligen Goethestraße und fotografierte die Waschküche.























Er stieg auf das Dach des ausgebrannten Stormarnhauses und fotografierte mehrmals in den Dachstuhl und vom Dach die Ruinen in westlicher Richtung,























unter ihnen auch das Bauamt,























und in nordöstliche Richtung auf die ausgebrannte Wandsbeker Christuskirche am Markt, die bereits bei der ersten Angriffswelle in der Nacht des 23. Julis 1943 schwer getroffen war.

Infolge der totalen Zerstörungen begann für die Stormarner Kreisverwaltung, und damit für die Familie Kildentoft eine Stormarnodyssee. Fluchtartig wurde sie mit der Verwaltung aus Wandsbek evakuiert und bezog zuerst eine Wohnung in Ahrensburg in den Umkleideräumen der Stormarnschule.























Auch diese neue Unterkunft fotografierte Friedrich Kildentoft.

Später folgte der Umzug der Kreisverwaltung nach Bad Oldesloe, wo in der ehemaligen Berufsschule in der Königstraße zentrale Ämter zusammengefasst wurden. Zwischen der Königstraße und der Salinenstraße wurden zusätzlich Baracken aufgestellt. In einer von ihnen, in der Salinenstr. 29, wurde die Feststellungsbehörde untergebracht zusammen mit der Wohnung für die Hausmeisterfamilie.























Den linken Wohnungsteil diese Baracke fotografierte Friedrich Kildentoft.

Diese Baracke überstand den schweren Bombenangriff auf Bad Oldesloe am 24. April 1945, während zwei Nachbarbaracken schwer beschädigt wurden. Im Fahrradkeller der zerstörten Kreisberufsschule überlebte Uwe Kildentoft als kleiner Junge mit seiner Mutter den Luftangriff. Im zerstörten Gebäude verloren 30 Personen bei dem Angriff ihr Leben, darunter auch der damalige Landrat des Kreises, Generaladmiral Rolf Carls.

Die Zerstörung Hamburgs durch die Bombenangriffe der Allierten waren für die Zeitgenossen traumatische Kriegsereignisse, ebenso wie der verheerende Bombenangriff auf Bad Oldesloe am 24. April 1945. Dr. Spallek: „Erinnerungen an diese schwere Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und der Kriegszerstörungen sind schwierig. Solche Erinnerungen sind oft schmerzlich. Es brauchte deshalb für manchen auch eine angemessene Zeit, um darüber sprechen zu können oder sie sogar Archivalien für öffentliche Dokumentationszwecke zur Verfügung zu stellen. Dennoch habe ich die Suche nach Unterlagen nicht aufgegeben. Umso größer ist der Dank des Stormarner Kreisarchivs für die jetzt zur Verfügung gestellten Fotos.“

Wer interessante Dokumente auch zu weiteren Themen oder Ereignissen der Stormarner Geschichte besitzt, den bittet Dr. Spallek, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Die Anschrift des Kreisarchivs Stormarn lautet: 23843 Bad Oldesloe, Mommsenstraße 14, Raum 5 im Erdgeschoß, (direkt am Bahnhof) Tel.: 04531/160-448.
E-Mail: j.spallek@kreis-stormarn.de.

Literaturhinweise:
Zum Luftangriff auf Hamburg:
Martin Middlebrook. Hamburg Juli `43.
Englische Erstausgabe: The Battle of Hamburg. Allied Bomber Forces against a German City in 1943. London 1980

Zum Angriff auf Bad Oldsloe:
Max Wegener. Bad Oldesloe im Luftkrieg 1939-1945. Im: Jahrbuch für den Kreis Stormarn 2003. (Hamburg 2003) Seite 69-98

Zur Kreisgeschichte:
Hans-Jürgen Perrey. Stormarns Preußische Jahre. Bad Oldsloe 1993

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