Lexikon

Begriff: Abstandfläche

1. Welche Abstandflächen müssen bauliche Anlagen einhalten ?

Vor den Außenwänden von Gebäuden müssen Abstandflächen von oberirdischen Gebäuden freigehalten werden (vgl. § 6 Abs. 1 Satz 1 LBO). Gleiches gilt (gegenüber Gebäuden und Grundstücksgrenzen) für Anlagen, die zwar keine Gebäude sind, von denen aber Wirkungen wie von Gebäuden ausgehen (§ 6 Abs. 1 Satz 2 LBO). Wirkungen wie von Gebäuden gehen von diesen Anlagen insbesondere aus, wenn sie länger als 5 m und höher als 2 m sind, bei Terrassen, wenn diese höher als 1 m sind (§ 6 Abs. 1 Satz 3 LBO).

Die Tiefe der Abstandfläche bemisst sich nach der Wandhöhe; sie wird senkrecht zur Wand gemessen. Die Wandhöhe ist folgendes Maß: festgelegte Geländeoberfläche bis zum Schnittpunkt der Wand mit der Dachhaut (beispielsweise bei Satteldächern) oder bis zum oberen Abschluss der Wand (beispielsweise bei Flachdachgebäuden). Nach § 6 Abs. 4 Satz 3 LBO sind bestimmte Dächer und Dachteile sowie Dächer mit Dachgauben oder Dachaufbauten zur Wandhöhe hinzuzurechnen. Die Wandhöhe einschließlich des ggf. hinzuzurechnenden Anteils ergibt das Abstandflächenmaß H (§ 6 Abs. 4 Satz 4 LBO).

Nach § 6 Abs. 5 LBO löst jede Wand eines Gebäudes eine Abstandfläche von 0,4 H (in Gewerbe- und Industriegebieten 0,2 H), mindestens aber 3 m aus.

Giebelflächen im Bereich des Daches („Giebeldreiecke“) werden als Bestandteil der Wand angesehen und daher im Regelfall mitgerechnet.

  • Eine Sonderregelung gilt für Wände von Wohngebäuden der Gebäudeklasse 1 und Gebäudeklasse 2 mit nicht mehr als drei oberirdischen Geschossen: Sie lösen jeweils nur eine Abstandfläche von
    3 m aus, und Giebelflächen im Bereich des Daches werden nicht mitgerechnet (§ 6 Abs. 5 Satz 3 LBO).

Werden von einem Bebauungsplan oder einer örtlichen Bauvorschrift (vgl. § 84 LBO) Außenwände zugelassen oder vorgeschrieben, vor denen Abstandflächen größerer oder geringerer Tiefe als nach § 6 Abs. 5 Satz 1 bis 3 LBO liegen müssen, finden Satz 1 bis 3 keine Anwendung, es sei denn, der Bebauungsplan oder die Satzung ordnet die Geltung der Vorschriften an (vgl. § 6 Abs. 5 Satz 4 LBO).

Kleingaragen innerhalb des 3-m-Bereichs zur Nachbargrenze brauchen seit dem 01.05.2009 nicht mehr den – ursprünglich zur Vermeidung von „Schmutzecken“ eingeführten - Mindestabstand von 1 m zur Grundstücksgrenze einzuhalten (§ 6 Abs. 7 LBO). Sie können beispielsweise auch in einem Abstand von 50 cm zur Grundstücksgrenze erstellt werden.

Bei einer Kleingarage mit Satteldach (Neigung bis 45 Grad), deren Traufseite an der seitlichen und deren rückwärtige Giebelwand an der hinteren Grenze eines Baugrundstücks errichtet werden soll, ist im Hinblick auf den Nachbarschutz zu beachten, dass bei der Ermittlung der „mittleren Wandhöhe“ von höchstens 2,75 m (vgl. § 6 Abs. 7 Satz 2 Nr. 2 LBO) die Giebelfläche im Bereich des Daches („Giebeldreieck“) mit zu berücksichtigen ist. Will also ein/e Bauherr/in in diesem Falle an der Traufseite die maximale mittlere Wandhöhe von 2,75 m ausnutzen, muss er/sie

  • die Eigentümerin oder den Eigentümer des Hinterliegergrundstücks um die Übernahme einer Abstandflächenbaulast (siehe § 80 LBO) ersuchen,
  • für die hintere Grenzbebauung mit der Giebelwand im Vorwege die Nachbarzustimmung einholen und außerdem bei der Bauaufsichtsbehörde nach § 71 LBO eine Abweichung von dem Erfordernis der Einhaltung der Abstandfläche nach § 6 Abs. 5 Satz 1 LBO beantragen,
  • auf die Giebelfläche im Bereich des Daches verzichten und das Dach in dem Bereich mit einer Neigung von höchstens 45 Grad erstellen oder
  • die Garage von der rückwärtigen Grundstücksgrenze 3 m abrücken.


Auch Anlagen, die (selbst) keine Gebäude sind, von denen aber Wirkungen wie von Gebäuden ausgehen, lösen Abstandflächen aus. Wirkungen von Gebäuden gehen von solchen Anlagen insbesondere aus, wenn sie länger als 5 m und höher als 2 m sind, bei Terrassen, wenn diese höher als 1 m sind (§ 6 Abs. 1 Satz 2 und 3 LBO).


2. Gibt es Ausnahmen von der Einhaltung von Abstandflächen?

Wichtige Ausnahmen sind:

  • a) Der maßgebliche Bebauungsplan setzt etwas anderes fest (z.B. geschlossene Bauweise).
  • b) Wenn der maßgebliche Bebauungsplan keine anderslautende Festsetzung trifft, dürfen auch ohne Nachbarzustimmung entweder direkt auf der Grundstücksgrenze oder mit Abstand zur Gundstücksgrenze beispielsweise errichtet werden

    -> Carports und Garagen bis zu einer Länge bis 9 m und einer mittleren Wandhöhe bis 2,75 m

    -> Grundstückseinfriedungen bis zu einer Höhe von 1,50 m,

    -> ein Sichtschutzzaun bis zu einer Höhe von 2 m und einer Länge von 5 m,

    -> privat genutzte Schuppen ohne Aufenthaltsraum mit einer Länge (zusammen mit anderen baulichen Anlagen) von maximal 9 m und einer mittleren Wandhöhe bis zu 2,75 m
  • c) Wenn die/der Nachbarin/Nachbar zustimmt, kann unter Umständen eine Abweichung von den Abstandflächen in Betracht kommen. Ggf. verlangt die Bauaufsichtsbehörde, dass eine Baulast zur Übernahme der Abstandfläche auf das Nachbargrundstück begründet wird.


3. Erleichterungen seit dem 25.10.2019
(vgl. Artikel 1 des Gesetzes zur Änderung der Landesbauordnung vom 1. Oktober 2019, GVOBl. Schl.-H. Nr. 14 vom 24.10.2019 Seite 398, siehe auch unter Landesbauordnung den Abschnitt „Letzte Änderung der Landesbauordnung)"

Für bestehende Gebäude in Gebieten, die überwiegend dem Wohnen oder der Innenentwicklung einer Stadt oder Gemeinde dienen, hat der Landesgesetzgeber mit § 6 Absatz 9 LBO in folgenden Fällen Erleichterungen geschaffen:

  • Bei der Schaffung von zusätzlichem Wohnraum durch Änderungen innerhalb von Gebäuden (Satz 1 Nummer 1),
  • bei Schaffung von zusätzlichem Wohnraum durch Nutzungsänderungen, wenn ein Abstand von mindestens 2,50 m zur Nachbargrenze eingehalten oder die Außenwand als Gebäudeabschlusswand ausgebildet wird
    (Satz 1 Nummer 2),
  • bei der Neuerrichtung oder dem Ausbau des Dachraumes oder Dachgeschosses innerhalb der Abmessungen des bestehenden Dachraums oder Dachgeschosses (Satz 1 Nummer 3),
  • bei der nachträglichen Errichtung eines Dach- oder Staffelgeschosses, wenn deren Abstandflächen innerhalb der Abstandflächen des bestehenden Gebäudes liegen und ein Abstand zur Nachbargrenze von mindestens 2,50 m eingehalten wird (Satz 1 Nummer 4).

Von Dachgauben und ähnlichen Dachaufbauten, Fenstern und sonstigen Öffnungen in Dächern oder Wänden dürfen unbeschadet der §§ 31 und 33 LBO keine für Nachbarinnen und Nachbarn unzumutbaren Belästigungen oder Störungen ausgehen (Satz 2).

Diese Erleichterungen gelten nicht für Gebäude nach § 6 Absatz 7 LBO (Satz 3).


Für folgende nachträgliche, vor die Außenwand bestehender Gebäude vortretender Anbauten hat der Landesgesetzgeber mit § 6 Absatz 10 LBO in folgenden Fällen die Möglichkeit für Erleichterungen (geringerer Tiefen von Abstandflächen) geschaffen:

  • Aufzüge, Treppen und Treppenräume,
  • wenn wesentliche Beeinträchtigungen angrenzender oder gegenüberliegender Räume nicht zu befürchten sind und
  • zu Nachbargrenzen ein Abstand von mindestens 3 m eingehalten wird.

Die seit dem 25.10.2019 geltenden Erleichterungen (unter anderem für Abstandflächen) werden flankiert von dem ebenfalls neu in die LBO eingefügten § 71 Absatz 1 Satz 2 LBO. Danach sind unter den Voraussetzungen des § 71 Absatz 1 Satz 1 LBO

  • “…Abweichungen zuzulassen, wenn bei bestehenden Gebäuden zusätzlicher Wohnraum durch Änderung des Dachgeschosses oder durch Errichtung zusätzlicher Geschosse geschaffen wird und das Vorhaben ansonsten nicht oder nur mit unzumutbarem Aufwand verwirklicht werden kann…“



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